Lou Kindermann                             
 Wortdompteuse & Kunststücklerin 

Kein Wort über die Kaninchen

Hannover in den 70er Jahren: Ein junges Ehepaar bekommt ein Kind, so, wie sich das damals gehört. Unerhört findet die strenge Vermieterin allerdings den Hauch Wimpertusche, den der Vater trägt, die Herrenhandtasche und ganz besonders den anderen Mann, der manchmal bis zum Morgen bleibt. Das kleine Mädchen fühlt sich bei Mutter, Vater und Onkel geborgen. Gleichzeitig aber spürt sie die Zerrissenheit des Vaters, die Traurigkeit der Mutter und die verachtenden Blicke (nicht nur) Fremder. Lou Kindermann zeichnet in starken Bildern die Geschichte ihrer Familie. Das ist lustig, traurig, und zutiefst bewegend. Eine Ermutigung an uns alle, der Vergangenheit nachzuspüren und uns einander unsere Geschichte zu erzählen.

Lou, sag doch mal

Was motiviert dich, über die familiäre Bedeutung hinaus, eure Geschichte zu erzählen?

Eine große Motivation lag und liegt für mich in der gesellschaftspolitischen Dimension. Ich feiere jedes Stück Freiraum, das sich die queere Community, das sich marginalisierte Gruppen erobern.
Ich frage mich oft, ob Paps in einer offeneren, faireren Gesellschaft überlebt hätte, ob das Familienmodel meiner Eltern hätte funktionieren können.
Mir ist es wichtig daran zu erinnern, dass die Freiheit, selbstbestimmter zu leben als beispielweise in den 70er Jahren, nicht selbstverständlich ist. Das hat bis hierhin viele Opfer gekostet.
Das bezieht sich, wie gesagt, nicht nur auf queere Themen. Seit einer schweren Erkrankung habe ich eine körperliche Behinderung. Auch Menschen mit Behinderung sind in unserer Gesellschaft nicht gleichberechtigt, haben nicht die gleichen Chancen auf Teilnahme und Teilhabe. Und aktuell ist es wichtiger denn je, daran zu erinnern und sich gesellschaftlichen Rückschritten entgegenzustellen.
Wenn wir über Faschismus reden, dann berechtigterweise überwiegend über die Verfolgung jüdischer Menschen im Dritten Reich. Aber die Opfer des Nationalsozialismus waren vielfältig. Homosexuelle Menschen, Menschen mit Behinderung gehörten ebenso dazu und viele weitere Gruppierungen. Das dürfen wir nie vergessen.
Mir fällt dazu der Song „Sage Nein!“ von Konstantin Wecker ein.
„Wenn sie jetzt ganz unverhohlen wieder Nazi-Lieder johlen,
über Juden Witze machen,
über Menschenrechte lachen.
(...)
Dann steh auf und misch dich ein: Sage nein!

Du betonst, dass es wichtig ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wieso?

„Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn Du ihn verstehen willst.“ beschreibt es wunderbar.
Praktisch ist das mit den Schuhen wohl kaum umsetzbar, also geht es um Interesse aneinander und die naheliegendste Methode ist das Gespräch. Hierüber kommen wir in Kontakt und den brauchen wir, um Empathie zu erlernen und zu erhalten. Das schließt nonverbale Kommunikation mit ein.
Leider werden die Gelegenheiten für echte Begegnungen weniger. Es fehlt an Anlässen, Zeit und oft auch Mut. Interesse aneinander zu zeigen, zu fragen, was den anderen bewegt, dafür fehlt wohl oft auch die Kraft.
Da ist es bequemer andere Leben in Social Media aus sicherer Entfernung zu beobachten. Ich kann das gut nachvollziehen. Es ist wie Fastfood-Kontakt, verlockend, aber einseitig. Das entfremdet uns voneinander, bietet keine echte Nähe. Aber wir brauchen Resonanz, dieses Mitschwingen mit anderen. Das ist für eine friedliche, demokratische Gesellschaft elementar.
Ein echtes Gespräch zu führen, bedeutet im Übrigen auch, dass es eine Dynamik von Zuhören und Mitteilen gibt, so, dass man sich gegenseitig motiviert und im besten Fall auf etwas Gemeinsames hinsteuert. Ich erlebe oft, dass viele nur noch über sich selbst sprechen und ihnen das Bezugnehmen auf ihr Gegenüber sehr schwerfällt. Aber das kann man (wieder) erlernen.

Wozu möchtest du deine Leser:Innen und Gäste der Lesungen ermutigen?

Zu Neugierde! Das bezieht sich auf zwei Seiten. Zum einen auf die Neugierde am eigenen Leben, an der eigenen Geschichte.
Sei neugierig zu erfahren, warum du heute der Mensch bist, der dich aus dem Spiegel ansieht. Da gibt es so viel zu entdecken. Mir ist zum Beispiel durch das Schreiben viel klarer geworden, warum mir bestimmte Werte wichtig sind und auch, wer und was mich immer wieder inspiriert und ermutigt.
Es gibt im Bereich der Biographiearbeit vielfältige Methoden, dem eigenen Leben auf die Spur zu kommen. Das kann man allein tun oder sich (therapeutische) Unterstützung holen.
Diese Auseinandersetzung fördert automatisch auch das Verständnis für andere. Es fällt dann leichter, auf mein Gegenüber neugierig zu sein. Wir suchen im Kontakt immer automatisch nach Gemeinsamkeiten und wenn ich mich selbst gut kenne, dann werden sie im Kontakt zu anderen sichtbarer. Und wenn ich mein Gegenüber nicht (sofort) verstehe, dann hilft es, freundlich nachzufragen. Fragen bedeutet immer „Ich sehe dich!“ und das öffnet Türen.
Wir haben alle Angst vor Ablehnung und die wird auch ab und an passieren, aber viel öfter werden wir positiv überrascht, weil es kaum Menschen gibt, die sich nicht darüber freuen gesehen zu werden.
Und wenn ich keine Antworten mehr bekommen kann, wie du zum Beispiel von deinem Großvater?
Dann frag bitte trotzdem!
Überleg dir, in welcher Situation, in welcher Zeit die Person aufgewachsen ist. Da hilft wieder die Neugierde, die Lust etwas zu entdecken.
Das Internet bietet einen riesigen Pool an Informationen. Vielleicht kannst du aber auch tatsächlich Orte besuchen, die für diese Person wichtig waren, Menschen, die sie kannten, befragen. Ich habe mich zuerst dem Kind genähert, mein Großvater einmal war und so versucht, eine Art Grundverständnis zu entwickeln und gefragt: „Opa, was hat dich geprägt?“ Das hat mir in der Auseinandersetzung mit ihm sehr geholfen. Niemand wird als Arsch geboren.
Eine Zwiesprache mit Menschen zu halten, die mir nicht mehr persönlich antworten können, ist so spannend, weil es meinen Blickwinkel weiten kann, ich, wenn nötig, mit der Person Frieden schließen kann. Vielleicht auch nur einen Waffenstillstand.
Irgendwie geht es doch immer um Frieden, mit uns selbst, mit anderen. Aber Frieden gibt es nicht ohne Verbindung. Kant sagte, dass der zwischenmenschliche Naturzustand nicht friedlich, sondern kriegerisch ist. Frieden muss demnach ständig neu gestiftet werden.
Das geht nur, wenn wir miteinander im (Friedens-) Gespräch bleiben!

***
Lou Kindermann ist ein Pseudonym. Insbesondere für Mum, ist es so leichter, dass ich unsere Geschichte erzähle. Ich fühle mich mit diesem Bonus-Namen mittlerweile ausgesprochen gut, denn er hat einen stimmigen Hintergrund.
Als Leser:Innen der „Kaninchen“ kennt ihr meine Namenspatronin. Es ist die sagenumwobene „Tante Peggy“, deren Mädchenname Kindermann war. Mum hatte die Idee.
Lou dagegen habe ich mir ausgesucht. Dieser Vorname bedeutet „die berühmte Kämpferin“ und tatsächlich bin ich bekannt dafür, nicht aufzugeben. So hat sich das mit dem Pseudonym gut gefügt und es wird mich, nach meiner beruflichen Laufbahn als Pädagogin, nun auf meiner literarischen Reise begleiten.
Wer mit mir Kontakt aufnehmen möchte, Lust auf eine Lesung hat oder Ideen für Kooperationen, erreicht mich über meine Website.
Und nun schnappt euch einen Herzensmenschen oder jemanden, den ihr besser kennenlernen möchtet und erzählt euch von euren Leben.

Alles Liebe!
Lou